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WSL-JuniorNewsDa froren die Römer: Baumdetektive entdecken "Kleine Eiszeit"

Da froren die Römer: Baumdetektive entdecken "Kleine Eiszeit"

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An der WSL gibt es Detektive, Baumdetektive. Sie können aus den Jahrringen von sehr alten Bäumen das Klima vergangener Zeiten herauslesen. Solche Baumdetektive haben jetzt herausgefunden, dass es am Ende der Römerzeit in Europa und Asien für etwa 100 Jahre schrecklich kalt war, eine richtige "kleine Eiszeit".

 

Diese hat nichts mit einer richtigen Eiszeit zu tun, wie man sie aus dem Film "Ice Age" kennt und die Tausende von Jahren dauert. Die letzte echte Eiszeit endete vor 12'000 Jahren, damals spazierten auch im Mittelland Mammuts und Säbelzahntiger herum. "Kleine Eiszeit" nennen Klimaforscher eine viel kürzere Phase kälteren Wetters, wie es sie bei uns zwischen dem Mittelalter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab. In der Schweiz froren damals die Seen regelmässig zu, und sehr viele Menschen hungerten in Europa.

Doch die WSL-Baumdetektive haben jetzt eine noch grossflächigere, kältere und länger dauernde "Kleine Eiszeit" aufgespürt. Wichtigstes Indiz waren uralte, tote Bäume aus den Alpen und dem Altai-Gebirge in Russland, deren Holz zum Teil mehr als 2000 Jahre alt ist. Im Gebirge können Bäume nur im Sommer wachsen – in warmen Sommern mehr, in kalten weniger. Die Wachstumsringe sind deshalb unterschiedlich breit und verraten, wie warm es in den Sommern war, als diese Bäume lebten und wuchsen.

Das Baumring-Puzzle

Wie bei einem grossen Puzzle konnten die Forscher so die Sommertemperaturen der letzten 2000 Jahre zusammentragen. Sie fanden eine sehr kalte Phase ab dem Jahr 536 nach Christus, die etwa 100 Jahre andauerte. Weil diese Zeit die Spätantike heisst, gaben sie ihr den Namen "Spätantike Kleine Eiszeit". Schuld daran waren drei enorme Vulkanausbrüche, deren Asche den Sonnenstrahlen den Weg zur Erde versperrten.

Teamarbeit von verschiedenen Disziplinen

Es war die stärkste Abkühlung auf der Nordhalbkugel während der letzten 2000 Jahre. Die WSL-Baumdetektive fragten sich, was das wohl für die Menschen damals bedeutet hat und bildeten mit Forschern  aus anderen Fachgebieten ein Team. Die Geschichtswissenschaftler wussten zum Beispiel, dass sich zu jener Zeit im Mittelmeerraum eine schlimme Pest-Epidemie ausbreitete, die Justinianische Pest. Sie raffte in den folgenden 150 Jahren Millionen von Menschen dahin.

 
 

Viele Menschen wanderten aus

Die Pest, glauben die Historiker, trug zum Untergang des Oströmischen Reichs bei, das vorher vom Balkan über das heutige Griechenland und die Türkei bis nach Ägypten gereicht hatte. Sprachforscher wiederum konnten aufzeigen, dass dort, wo die Römer weg waren, Slawisch sprechende Menschen einwanderten und diese Sprache über Osteuropa verbreiteten.

Die Historiker berichteten aber auch von Völkerwanderungen während jener Zeit: Nomaden-Völker fanden in den zentralasiatischen Steppen im heutigen Kasachstan nicht mehr genug zum Leben, zogen nach Osten Richtung China und stürzten die dortigen Machthaber. Um die gleiche Zeit war das Klima auf der trockenen arabischen Halbinsel feuchter und kühler, so dass die Araber für ihre Armeen grosse Kamelherden züchten konnten. Damit zogen sie für Eroberungen nach Norden, in den heutigen Mittleren Osten, und vergrösserten so ihr Reich.

Wie gross die Mitschuld der "Kleinen Eiszeit" an den Tumulten der damaligen Gesellschaften war, können die Forscher nur vermuten, nicht beweisen. Doch sie schreiben in ihrer Studie: "Die Spätantike Kleine Eiszeit passt erstaunlich gut mit den grossen Umwälzungen jener Zeit zusammen."